Nun war es soweit. Die Gießerei Rincker in Sinn, 20 km nördlich von Wetzlar, hat 30 Personen unserer Gemeinden eingeladen, beim Guss der neuen Glocke für unsere Heilig-Kreuz-Kirche dabeizusein. Dieses Ereignis wird allen, die dabei waren, als einmaliges Erlebnis in Erinnerung bleiben. Die Anreise mit dem Bus verging wie im Fluge, obwohl es etwa 400 km zu fahren gab. Während der Fahrt bereitete uns Pfarrer Sedlmeier mit dem Vortrag von Friedrich Schillers „Das Lied von der Glocke“ auf das Ereignis vor. Da auch die Familie Diessner, Spenderin der neuen Glocke, mit dabei war, berichtete Christian Diessner über die Motivation zu dieser sehr großherzigen Spende.
Angekommen in der Gießerei, wurde die Reisegruppe vom speziellen Geruch einer Gießerei empfangen. An diesem Freitag, 13. Mai, wurden insgesamt drei Glocken gegossen. Die größte mit ca. 564 kg war für unsere Heilig-Kreuz-Kirche bestimmt. Noch ist die Schmelze nicht ganz fertig. Von den Arbeitern wird die an der Oberfläche schwimmende Schlacke entfernt. Es werden noch einige Barren Zinn in den Schmelzofen gegeben, und nun sind alle Vorbereitungen zum Guss getroffen. Nun wird es andächtig still. Der Ventilator für die Ofenbefeuerung wird abgeschaltet. Alle Anwesenden halten den Atem an und wünschen dem Werk ein gutes Gelingen. Pfarrer Sedlmeier spricht, auch für die anderen Gemeinden, deren Glocke gegossen wird, ein Gebet, auch mit der Bitte um Frieden. Alle Anwesenden sprechen das Vater unser. In dieser Stille gibt der Gießerei-Meister leise und kaum hörbar seine Kommandos. Der Guss beginnt. Mit einem Motor wird der schwere Ofen langsam gekippt, und die Schmelze aus Kupfer und Zinn fließt mit 1.100 Grad in die vorbereiteten Öffnungen in der Erde. Es spritzt, und Rauch steigt auf. Die Funken werden von den Mitarbeitern abgedeckt. Flammen an den Öffnungen lodern auf. Die Mitarbeiter sind alle durch Schutzanzug und Helm mit Visier gegen die Hitze geschützt. Es blubbert, und seltsame Geräusche dringen aus der Tiefe der Grube. Ein kurzes Kommando des Meisters, und ein anderer Kanal zur nächsten Glocke wird geöffnet. So geht es weiter, bis alle drei Glocken mit Schmelze gefüllt sind. Dann verlassen die Arbeiter leise ihren Platz und ziehen sich zurück. Wiederum eine kurze Stille. Manchem der Zuschauer fällt vielleicht ein weiterer Vers von Schillers Glocke ein:
In die Erd’ ist’s aufgenommen,
Glücklich ist die Form gefüllt:
Wird’s auch schön zu Tage kommen,
Daß es Fleiß und Kunst vergilt?
Wenn der Guss mißlang?
Wenn die Form zersprang?
Ach, vielleicht, indem wir hoffen,
Hat uns Unheil schon getroffen.
Wer nach dem Guss das Gedicht nochmals liest, wird es mit anderen Gedanken tun, denn was wir erlebt haben, hat Friedrich Schiller bereits vor über 200 Jahren beobachtet, und in seinem „Lied von der Glocke“ in unvergessliche
Verse gegossen. Nach dieser heißen erste Begegnung mit unserer Heilig-Kreuz-Glocke sind wir voll Hoffnung, dass der Guss vollends gelingen möge.
Jetzt brauchten wir alle eine Stärkung. So führte uns der Weg nach Grafenstein in einen schönen Gasthof zum Mittagessen. Die Rückfahrt erfolgte über Wetzlar. Hier besuchten wir den Dom. Pfarrer Sedlmeier führte unsere Reisegruppe sachkundig im Dom und um den Dom herum, um die verschiedenen Bauabschnitte mit unterschiedlichster Architektur zu erklären.
Zum Ende der Reise erfolgte der Abendsegen mit Liedern und Gebeten. Helmut Erhardt machte auf die Termine zur Glockenweihe am 10.7.2022 und auf den Festgottesdienst zu „Einläuten“ am 18.9.2022 aufmerksam.
Text und Bilder: Helmut Erhardt




